Als wir das Jahr 2021 begrüßten, hatte ich ein unwohles Gefühl. Wir wissen, dass uns als Eltern in diesem Jahr ein steiniger Weg bevorsteht, aber ich spürte, dass es nicht das Einzige sein wird. Ich konnte dieses Gefühl nur nicht zuordnen. Nun weiß ich, was sich ankündigte.
Wer mich kennt, der weiß, dass es für mich nichts wertvolleres als meine Familie und meine Freunde gibt. Daher sind die heutigen Zeilen sehr schmerzhaft für mich, aber ich möchte sie verfassen, denn ich denke, dass sie mir bei meiner Trauerbewältigung helfen werden.
Ich bin zusammen mit meinem 3,5 Jahre älteren Bruder in einem 3- Generationen-Haus aufgewachsen. Die Bindung zu unseren Großeltern kann ich demnach auch als sehr stark und intensiv bezeichnen, denn sie waren immer um uns herum, haben sich um uns gekümmert und haben oft schon gewusst, was in uns los ist, ohne das wir etwas gesagt haben.
Meine Omi wollte nach ihrer Schulausbildung eine Schneiderlehre absolvieren. Da sie aber die Erstgeborene war, wurde sie in der elterlichen Bauernwirtschaft benötigt und konnte ihren Wunschberuf nicht erlernen. Dennoch hat sie sich mit allen möglichen Mitteln, die es damals gab, viel angeeignet. Sie nähte schon in ihrer Jugend, und mir später ganz viel Kleidung. Ach, was habe ich meinen Rot-Weiß-gepunkteten Rock geliebt und mein gelbes Prinzessinnenkostüm zum Fasching in der 2. Klasse. So ganz traditionell genäht hat sie, Schnittmuster ausradeln, stecken und in dem Moment musste ich die Sachen schon anpassen - was hatte ich jedes Mal Angst vor diesen Stecknadeln - dann hat sie alles von Hand geheftet und es erst im Anschluss mit ihrer Nähmaschine genäht - meistens mit der ganz klassischen alten Nähmaschine, die man mit dem Fuß angetrieben hat. Nun wisst Ihr, warum ich so gerne nähe.
Mühevolle, wertvollste Handarbeit ❤ Auch das Sticken, Häkeln und Stricken hat uns unsere Omi gezeigt - die von uns damals gehäkelten Topflappen hat sie noch immer. Als unser Opi 2006 verstorben ist, hat es Dir das Herz gebrochen. Du hattest uns, doch Dein Seelenverwandter fehlte Dir. Jeden Abend beim Zubettgehen und morgens beim Aufwachen - Dein erster Blick fiel auf ein leeres Bett neben Dir.
Deine Tochter, Dein Schwiegersohn, Deine beiden Enkelkinder und Schwiegerenkelkinder haben Dich zur 5-fachen Uromi gemacht. Du bist so stolz auf alle und Du hast Deine Liebe an uns alle verteilt. Wir haben so viel von Dir gelernt und tragen es weiter.
90 Jahre wolltest Du werden --- das war unser nächstes Ziel. Mit 88,5 Jahren entschied sich Dein Körper jedoch, dass er erschöpft ist. Ich bin so dankbar, dass wir uns noch von Dir verabschieden konnten, auch wenn Dir das Sprechen sehr sehr schwer fiel. Ich habe sehr viel geweint an Deinem Bett, Du sagtest mir, ich solle nicht traurig sein und nicht weinen, ich sei so ein tolles Mädchen. Es war Dir wichtig, mir zu sagen, dass Du keine Angst hast vor dem Sterben, jedoch auch, dass Du es Dir leichter vorgestellt hast - nicht so schwer. Deine Freude Opi wieder zu sehen, war groß. Wir haben zusammen gebetet und ich habe Dir gesagt, wie dankbar und glücklich ich bin, dass Du meine Omi, meine liebe Omi bist. Eine bessere Omi haben wir uns nie wünschen können - denn wir hatten sie. Omi, Du weißt --- wir wären bei Dir geblieben und hätten Dich begleitet auf Deinen Weg zur Regenbogenbrücke, aber Deinen Augen konnten wir entnehmen, dass Du uns das nicht zumuten wolltest, drum bist Du den Weg letzte Woche Mittwoch gegangen, als wir nicht da waren.
Am Samstag haben wir uns dann noch einmal von Dir verabschiedet. Du bist mit einem Lächeln eingeschlafen und Du trägst dieses Lächeln fortwährend. Seit diesem Moment können wir unseren Schmerz tatsächlich etwas besser verkraften, denn wir wissen, Dein Weg hat Dich erlöst. Das spendet uns Trost. Deine Urenkelkinder haben Dir noch etwas gemalt und geschrieben und es Dir ein letztes Mal in Deine Hände legen können. Ich habe Dir eine Blume genäht, die ich Dir als Teil unserer Verbundenheit mit auf Deinen Weg in Dein Erdenbett gegeben habe. Von dieser Blume nähe ich noch jeweils eine für Mutti, Ronny und mich. Sie alle zusammen ergeben einen Strauß und jede einzelne Blume wird uns für immer an Dich erinnern.
Morgen werden wir Dich ein letztes Mal hier auf Erden begleiten. Es wird ein schwarzer Tag für uns werden.
Oh Omi, ich vermisse Deine warmen Hände, Deine Freude, wenn wir zu Dir gekommen sind, Deine sonntäglichen Anrufe, um uns einen schönen Sonntag zu wünschen und um in Erfahrung zu bringen, was wir heute zum Mittag kochen, Deine Bewunderung meiner genähten Sachen. Es erfüllte mich mit Stolz, sie Dir zu zeigen. Ich hoffe, Du bist gut über die Regenbogenbrücke gekommen. Ich weiß, dass Opi Dich freudig in den Arm genommen hat. Er musste fast 15 Jahre auf Dich warten, eine verdammt lange Zeit, aber er hat uns die gemeinsame Zeit gegeben und wieder einmal seine Bedürfnisse zurückgestellt....
Am Ende des Regenbogens sehen wir uns wieder ... und bis dahin passt Du gut auf uns auf --- das hast Du mir versprochen.
Wir lieben Dich.
Schnittmuster der Blume: Buttinette



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